Überblick Künstliche Intelligenz @ Digitale Energiewelt 2017

Der Tag startete mit der Vorführung des Films „Change“ von Gerd Leonhard, der die Teilnehmer unter dem Motto „Science fiction is becoming fact“ für die Geschwindigkeit der Digitalisierung in allen Bereichen des Lebens sensibilisierte. Wer Angst hatte, seinen Arbeitsplatz an Roboter und Künstliche Intelligenzen zu verlieren, der bekam eine hoffnungsvollere Perspektive: All das, was nicht digitalisierbar ist und uns Menschen ausmacht, wird nach diesem Film in naher Zukunft nur noch wertvoller.

Künstliche Intelligenz in der Energiewelt - wo stehen wir?

Tina Barroso, Prokuristin beim Veranstalter Solarpraxis Neue Energiewelt, bedankte sich zur Eröffnung beim Gastgeber Vattenfall und bei den Sponsoren und versprach angesichts des voll gepackten Programms: „Alles was wir hier nicht besprechen können, nehmen wir mit ins Forum Neue Energiewelt im November.“ Im Anschluss erläuterte Karl-Heinz Remmers, Geschäftsführer der Solarpraxis Neue Energiewelt, das Ziel der Konferenz: „Eine fluktuierende und dezentrale Energieerzeugung kann nur funktionieren, wenn wir zu hundert Prozent vernetzt und digitalisiert sind.“ Es gehe um nichts geringeres als einen Epochenwechsel, so Remmers. Die Rahmenbedingungen müssten angepasst werden, weil die Rahmen nicht mehr passten. Zum Start in die Vorträge verabschiedete Remmers das Publikum vorläufig mit dem Versprechen:„Der Weg ist noch weit, heute beginnen wir mit der Reise in eine zu hundert Prozent digitalisierte Energiewelt.“

Als erste präsentierte Gastgeberin Juliane Schulze von Vattenfall Business Innovation ihre Erkenntnisse aus den Gesprächen der letzten Monate zu den Themen der Digitalisierung. So sei ihr Eindruck nach der Analyse verschiedener erfolgreicher Digitalunternehmen, dass es darum gehe, sich nach und nach die Wertschöpfungskette eines bestimmten Bereichs zu Eigen zu machen. Als Beispiel nannte sie MyTaxi, das als App zum Finden eines Fahrers gestartet war und inzwischen den Taximarkt fest im Griff hat. Aber auch das Beispiel SolarCity aus den USA zeige: Wer den Kunden eine praktische Nutzeroberfläche und damit mehr Komfort und Preistransparenz bietet, kann im nächsten Schritt die gewonnenen Daten nutzen, um sein Geschäftsmodell auszuweiten und in den Verkauf einzusteigen. Ein wichtiges Merkmal dieser Geschäftsmodelle ist die gleichzeitige Entmonetarisierung und Dematerialisierung des Verkaufsprozesses. Als Beispiel nannte Schulz Airbnb, das als größte Hotelkette weltweit gelten darf  - und das ohne ein einziges eigenes Hotelzimmer. Die zentrale Frage, auch im Energiesektor, sei, ob man selber an der Disruption einer Branche mitwirke oder im Gegenteil von anderen „disruptiert“ werde und an Relevanz verliere, so Schulz.

Mit vielen Erfahrungen aus der Praxis bewaffnet, zeigte dann Marc Peters von IBM Deutschland den Zuhörern, wozu Künstliche Intelligenz heute schon in der Lage ist. Er rief den Anwesenden jedoch ins Gedächtnis, dass aus Sicht eines großen IT-Unternehmens in der Energiebranche derzeit noch nicht wirklich von „Big Data“ gesprochen werden könne. Bei der KI von IBM mit dem Namen Watson zum Beispiel gehe es weniger um das Programmieren bestimmter Problemlösungen, sondern um das Beibringen von Lösungsstrategien. Das heißt, es wird ein Problem definiert und Watson werden verschiedene Lösungswege gezeigt. Durch die schiere Menge der Daten sei die Maschine dann in der Lage, das Wissen aus den Beispielen auf neue Probleme anzuwenden – zum Beispiel darauf, aus drei Zutaten in einem ansonsten leeren Kühlschrank ein leckeres Rezept für den überforderten Menschen vorzuschlagen. Hier sei dennoch zu Beginn menschliches Expertenwissen vonnöten, um den Prozess des Cognitive Computing zu starten. Für die Energiewelt sieht Peters vor allem Potenzial bei der Verwendung ähnlicher Ansätze für die visuelle Erkennung von Materialschäden, die Kundenbetreuung und das Weitergeben von Know-How an neue Mitarbeiter. Am Ende seiner Präsentation gab Peters den Teilnehmern konkrete Anwendungsbeispiele an die Hand, mit denen sie die Möglichkeiten des Cognitive Computing selbst spielerisch erfahren konnten.

Für das nötige Grundlagenwissen beim Publikum sorgte Isabel Schwende von Leapmind, die Deep Learning zu ihrem Steckenpferd erkoren hat. Sie erläuterte die Grundlagen der Lerntechniken, mit denen man künstlichen Intelligenzen das Verarbeiten von Daten ermöglicht. Zu Beginn sollte man sich die Frage stellen, ob genug Daten zur Verfügung stehen und auch den Preis in die Überlegungen einbeziehen – die Rechenleistung sei zwar günstig zu haben, der menschliche Input aber immer noch ein wichtiger Kostenfaktor. Der Computer extrahiert die Beispiele für Problemlösungen beim Deep Learning aus den Daten selbst und lernt bei jedem Durchgang dazu. Schwende gab als Beispiel die Internet-Challenge ImageNet, die zeigt, dass die Bilderkennung durch Maschinen inzwischen sogar der Leistung von Menschen überlegen ist.  Skeptiker konnte sie beruhigen: „Das ist noch kein Cyborg, der uns besiegen kann - aber Hunderassen erkennen, kann der Computer besser als der Mensch.“

Ein komplett anderes, aber nicht weniger dringendes Thema rief der Vortrag von Barbara Engels vom IW Köln in Erinnerung. Im Vorfeld wurden die Teilnehmer gebeten, sich über ihre Erfahrungen im Bereich Cybersicherheit auszutauschen. Die Reaktionen zeigten: Das Thema ist sehr präsent, aber wird im Alltag dennoch vernachlässigt. Dies sei genau die falsche Handlungsweise, warnte Engels: „Egal was sie machen, die Cybersicherheit muss immer mitgedacht werden. Vor allem in der Energiewirtschaft.“ Weltweit gebe es 39.000 neue Malware-Varianten täglich, die immer raffinierter vorgingen, um Menschen zu überzeugen, eine Datei herunterzuladen oder einen Link anzuklicken. Von den täglich 3 Millionen E-Mails, die ein mittelständisches Unternehmen im Durchschnitt bekomme, sei etwa ein Drittel Spam. Die Bedrohung sei also nicht nur groß, sondern auch oft erfolgreich. Durch Cyberangriffe entstehe der deutschen Wirtschaft jährlich ein hoher zweistelliger Milliardenschaden, so Engels. Die Energiewirtschaft sei insbesondere durch ihre internationale Vernetzung, die technischen Besonderheiten – beispielsweise alte Anlagen in Kombination mit neuer Software – und die herrschende Regulierung bei gleichzeitigem Kostendruck durch die Liberalisierung gefährdet. Engels schloss ihren Vortrag mit einem Appell an die Anwesenden, das Thema Cybersecurity ernster zu nehmen als die deutschen Unternehmen, die nur fünf Prozent der tatsächlich erfolgten Angriffe dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) meldeten.

Was braucht die Energiewelt eigentlich an Big Data Analysen?

Nach einer Kaffeepause, in der die gewonnenen Eindrücke vertieft werden konnten, trafen sich die Teilnehmer der Konferenz in einer neuen Sitzordnung wieder – einer Diskussionsarena, die den Austausch zwischen den Experten auf dem Podium und denjenigen im Publikum erleichterte.

Zunächst entspann sich unter der Moderation von Christian Hodgeson eine lebhafte Disussion zum Thema Big Data, in der große Unsicherheiten offenbar wurden. Woher bekommen Unternehmen Datenmengen? Wie kann die Unternehmensführung im Rahmen einer digitalen Strategie die Data Analysts stärken? Welche Fragestellungen bringen das Unternehmen voran? Auch Fragen der Corporate Responsability und der Kundenorientierung wurden in den Raum gestellt – interessiert sich der Kunde tatsächlich für eine Auswertung seiner Daten und immer neue Services? Oder möchte er einfach nur, dass Strom aus der Steckdose kommt?

Aufgegriffen wurden diese und weitere Fragen von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion. Christian Bogatu von Fresh Enery fasste das Thema anhand seines Unternehmenszieles zusammen: „Von Kilowatt wollen wir zu Kilobyte und von dort – zu Kilocash“. Das heiße auch, mit den Daten der Kunden Geld zu verdienen. Im Fall von Fresh Energy passiere das mit Empfehlungen zu Energieeinsparungen, die ähnlich einem Contracting-Modell dazu dienten, ein neues und sparsameres Haushaltsgerät abzubezahlen. Komfort für den Kunden sei bei diesen Geschäftsmodellen ein zentrales Kriterium für den Erfolg. Allgemein gesprochen komme es darauf an, zu machen, statt lange zu überlegen – das gelte besonders für die „Dinosaurier“ der Energiewelt.

Timo Eggers von Quantum stellte sich ein stückweit auf die Seite der Stadtwerke, die ebenfalls schwerfällig bei Innovationen erschienen – allerdings liege das seiner Erfahrung nach auch an den starren Vorgaben der Kommunalpolitik. Als externer Dienstleister sitze man hier am entscheidenden Hebel um Veränderungen in Gang zu setzen: „Wir müssen die alte und die neue Energiewelt miteinander verbinden – und das geht nur, wenn wir miteinander reden.“ Hier sah Eggers Acceleratoren in einer entscheidenden Position, um Stadtwerke und Start-Ups miteinander in Verbindung zu bringen und beispielsweise Churn Rate - Abwanderungsquote -  und Kundenbindung zu analysieren.

Erik Burow von Vattenfall Europe Information Service sah ebenfalls die IT in der Pflicht, Verantwortliche zu begeistern und mit der Neugier auf neue Möglichkeiten anzustecken. Schließlich sei die Begeisterung ansteckend – die Rechnerleistung günstig und die Optionen nahezu grenzenlos. Auf lange Sicht sei es jedoch besser, die Prozesse wieder intern zu integrieren, um die Austauschfunktion innerhalb der Unternehmen zu stärken – frei nach dem Motto „power to the people“.

Christian Scherr von bremacon schließlich stellte fest, dass die Diskussion über digitale Geschäftsmodelle sehr schnell immer wieder ins Thema Corporate Culture mündet. Ohne die Anleitung und das „Commitment“ von oben an eine digitale Strategie stießen die Fachabteilungen sehr schnell an ihre Grenzen. Genau dafür brauche es mehr Austausch innerhalb der Branche, Zentren der Kreativität und des Unternehmertums wie Berlin und gleichzeitig eine Besinnung auf die eigenen Stärken vonseiten der Akteure der Energiewelt.

Die Teilnehmer der Diskussion schlossen mit einem gemeinsamen Appell an mehr Kommunikation, Interaktion, Mut und Selbstbewusstsein – nötige Bausteine für den Aufbruch in die neue, digitale Energiewelt.

Geschäftsmodelle der Energiewelt mit KI und Big Data

Nach dem Mittagessen widmeten sich die Vorträge den konkreten Anwendungsfällen der digitalen Instrumente in der Energiewirtschaft. Den Anfang machte Sven Engelmann vom Start-Up OMQ, der den Zuhörern die Vorteile des Einsatzes technischer Hilfsmittel im Bereich der Kundenkommunikation anschaulich darstellte. So können aus jedem „Berührungspunkt“ der Kunden mit dem Unternehmen – sei es am Telefon, per Kontaktformular oder in den sozialen Medien – Daten erhoben werden, die die Bearbeitung von Kundenanfragen erleichtern. Dabei ging Engelmann auch auf die Schwierigkeiten ein, die ein System bei der Erfassung sehr einfacher Nachrichten wie „Hallo? Rechnung?“ bearbeiten muss. Wichtig sei, möglichst früh im Prozess der Kundenkommunikation Self-Service-Systeme anzubieten, die auch automatisiert weiterhelfen können. Allerdings zeigten die Zahlen bisher eine andere Realität: Die Mehrheit der Anfragen werde immer noch manuell beantwortet, und sei daher anfällig für Überforderung und Frustration der Kunden.

Unter die an die Fernsehserie „Game of thrones“ angelehnte Botschaft „Brace yourselves, machine learning is coming“ stellte Christian Hackel von enviaM seinen Vortrag. Unter diesem zunächst bedrohlich klingenden Motto verberge sich aber in erster Linie eine Herausforderung, an Probleme anders heranzugehen als bisher, so Hackel. Sein Arbeitgeber nutze die Möglichkeiten des Machine Learning unter anderem für die Einschätzung der Kündigungswahrscheinlichkeit und mittelfristig zur Senkung der Churn Rate. Seiner Erfahrung nach bringe bereits ein geringer Aufwand schnelle Ergebnisse, die aber auf die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachabteilungen angewiesen seien. Letzten Endes gehe es hierbei ebenfalls um eine verbesserte interne Kommunikation und die Bereitschaft, an digitale Lösungen im Sinne einer ganzheitlichen Unternehmensstrategie heranzugehen.

Sebnem Rusitschka stellte die Fragen „Wie würde eine künstliche Intelligenz ein Stromnetz betreiben? Und wie würde sie damit Geld verdienen?“ in den Mittelpunkt ihres Vortrages. Für ihr Start-Up freeel.io stelle sich vor allem die Frage, wie der Widerspruch zwischen nachhaltiger Energieeffizienz und dem Profit der Versorger in einem dezentral organisierten System gelöst werden kann. Die Daten hierfür seien heute bereits in guter Qualität verfügbar. Es gehe nun darum, sie gesammelt in ein System einzuspeisen, das selber immer mehr dazu lerne. Dabei betonte Rusitschka, dass auch Daten aus Ländern mit lückenhafter Energieversorgung nützlich seien, um durch diese Negativbeispiele die künstliche Intelligenz zu stärken. Auf lange Sicht könnte man sogar so weit gehen und dieses Know-How einer Community zur Verfügung stellen – gerade im Gebiet der Mieterstrommodelle sehe sie sehr viel Potenzial.

Einen etwas anderen Ansatz stellte Kolja Bailly von Solandeo vor: Der Hersteller von Stromzählern nutzt Wetterdaten, um Prognosen zu erstellen. Diese werden den Kunden als kostenloser Service zur Verfügung gestellt, weswegen auch die Daten nicht viel kosten dürfen. Errechnet werden die Prognosen durch künstliche Intelligenzen in jeder Anlage, die wöchentlich durch eine Meta-KI überprüft werden. Dieser Vorgang läuft bei Solandeo unter dem Begriff Hyperparamenter-Optimierung – „Wir wollen uns mit der KI die Data Scientists sparen“, so Bailly. Auf Nachfrage aus dem Publikum schätzte er, dass die wöchentliche Überprüfung aller Anlagen auf einem handelsüblichen Laptop in sechs Stunden erfolgen könnte.

Zum Thema Sicherheit präsentierte Christian Hinrichs von BTC die Strategie seines Unternehmens, Angriffü auf vernetzte Systeme zu erkennen.  Angriffe würden oft zu spät oder gar nicht erkannt. Die Identifikation aber sei ebenfalls schwierig, da sehr große Datenmengen durchsucht werden müssten. Die Lösung von BTC ist daher das sogenannte Semi-Supervised Learning, das im Gegenteil zu herkömmlichen Methoden nicht nach Zuständen sucht, die vorher definiert werden, sondern zuverlässig alle unüblichen Vorkommnisse im Netzwerk meldet und laufend dazulernt.

Die Vorstellung der praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Big Data und künstlicher Intelligenz endete mit einer Key Note von Marek Seeger von SMA. Er stellte den Teilnehmern die Hintergründe der kürzlich öffentlich gewordenen Schwachstelle bei Wechselrichtern vor und betonte bei dieser Gelegenheit, dass eine dezentrale digitale Infrastruktur bereits Vorteile bei der Sicherheit biete. Im Folgenden ging er auf den Entwurf des neuen Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende ein. Es verpflichtet in der jetzigen Form größere Verbraucher zur Installation eines Smart Meter Gateways sowie einer bei Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern zentralisierten, sternförmigen Daten-Infrastruktur, die eine Kommunikation von Geräten untereinander erschweren wird. Es stelle sich die Frage nach der Hoheit über die Steuerung des Netzes und ob nicht die Innovationen, die die Energiewelt so dringend brauche, noch vor ihrem Durchbruch erledigt sein würden, so Seeger. Der Vortrag mündete in einer engagierten Diskussion unter den Teilnehmern, die sich auf mehr Austausch einigten, um ihre Interessen gegenüber anderen Akteuren wirksamer zu vertreten. Einigkeit herrschte auch darüber, dass Regulierung nötig sei, diese aber nicht die Digitalisierungsansätze im Keim ersticken dürfe.

In seinem Abschlusswort griff Karl-Heinz Remmers die aktuelle Lage in der Energiewelt noch einmal auf: Es gebe keine gemeinsame Interessenvertretung, obwohl die Unterschiede zwischen verschiedenen Branchen gar nicht so groß seien. Die aktuelle Debatte gleiche einem Aufplustern und verhindere, dass die wichtigen Akteure geschlossen auftritten. „Wir müssen klar machen, wie die Energiewelt der Zukunft aussieht – dann haben wir unser Ziel erreicht“, so Remmers. Gleichzeitig sei das Ziel noch lange nicht erreicht, warnte er: „Der anstrengendere Teil der Energiewende liegt noch vor uns.“